|
Die
Palliative Atemtherapie begleitet Menschen mit chronischen Schmerzen
und schwerkranke und sterbende Menschen.
Diese Behandlungsweise ist nicht nur bei Atemnot indiziert, sondern
bietet den Menschen eine Möglichkeit, sich und den eigenen
Körper mit der Erkrankung neu zu erfahren und anzunehmen.
In
dieser Begegnung sind Hände
und Atem das Hauptkommunikationsmittel. Durch Streichungen,
Dehnungen,
geführte
Bewegungen und leichte Massagen wirkt die Behandlung lösend,
lindernd und entspannend. Es entsteht Raum für eine
bessere Körperwahrnehmung und Atemressourcen können
entdeckt und integriert werden. Die achtsamen Berührungen
und ruhenden Hände lösen bei dem Patienten oft ein
„wirkliches
berührt sein“ aus. Mit dem Patienten auf diese Weise
in Kontakt zu treten und ihn fühlen zu lassen „ich
gehe mit dir ein Stück, du bist nicht allein“
trägt auch zum seelischen und körperlichen
Wohlbefinden bei. Je
nach Möglichkeit wird die Behandlung durch Gespräche
ergänzt.
Diese
Form der Begleitung ermöglicht es nach innen zu
spüren, dem eigenen Atem zu lauschen und wieder Bezug zum
eigenen Körper herzustellen. Es werden Fixierungen von
erkrankten und schmerzenden Bereichen reduziert und gesunde, heile
Bereiche entdeckt und integriert.
Meist
entstehen dadurch eine tiefe Entspannung und ein Ankommen bei sich.
Anhand von drei
Begleitungen möchte ich meine Arbeit vorstellen.
Bei meiner ersten Begegnung mit Frau S. stellte ich mich vor
und bot ihr eine Behandlung an. Darauf
hin wollte sie von mir wissen, ob die Behandlung
lebensverlängernd sei. Frau S.
stellte klar: „Ich will keine lebensverlängernden
Maßnahmen, sondern bald
sterben.“ Die Patientin erzählte mir, dass sie sich
in der Bauchregion unwohl
und sehr aufgebläht fühlte. Ansonsten möchte
sie bald sterben und „alles hinter
sich haben“. Ich berührte zunächst mit
leicht kreisenden Bewegungen den Bauch,
nahm die Atembewegung auf und strich lösend in diesem
Rhythmus. „So etwas
Wohltuendes habe ich noch nie erlebt!“, sagte Frau S. Nach
einiger Zeit wurde
es ruhiger in dieser Körperregion. Sie konnte sich auf die Berührungen
einlassen und nach innen spüren.
Im Verlauf der nächsten Behandlungen gelang es Frau S. sich
immer mehr anzuvertrauen, sie konnte sich darauf einlassen
berührt zu werden
und zugleich berührt zu sein. Im Rückblick war sie mit ihrem Leben
zufrieden und sehr dankbar, ihren Körper nicht
nur ablehnend in Erinnerung zu haben, sondern trotz der Erkrankung noch
ein
angenehmes Körpergefühl wahrzunehmen.
Die Begleitung von Herrn T.
bestand zu
Anfang aus kurzen
Gesprächen und einer vorsichtigen Annäherung. Bei
unserem
dritten Treffen fand
dann die erste Behandlung statt. Nach einer kräftigen
Fußmassage wurde ich von
Herrn T. gebeten, seine Hände ebenfalls zu massieren.
Anschließend meinte er: „Ich
kann mich endlich wieder spüren.“ Nach einem tiefen
Seufzer
schlummerte er ein
wenig ein. Im Laufe der weiteren Behandlungen kommunizierten Atem und
Hände in
fließenden Streichungen und Massagen und über den
ruhenden
Kontakt der Hände. Herr T. war bereits sehr
abgemagert und
betonte immer wieder,
sehr darunter zu leiden. Die Berührungen und Streichungen
ermöglichten es dem
Bewohner, sich wieder besser zu spüren und wahrzunehmen. Er
konnte
sich immer
mehr darauf einlassen, gehalten zu werden und zur Ruhe kommen. Sein
Atem wurde
ruhiger und konnte besser fließen.
Meine dritte Begleitung Frau G.
lernte ich am Tag ihrer
Ankunft im Hospiz kennen. Sie war der Atemarbeit gegenüber
sehr offen und wir
verabredeten uns gleich für eine Behandlung. Durch ihre
Erkrankung war der
Bauch sehr hart und die Beine waren angeschwollen. Die sanften
Berührungen in
der Bauchregion und an den Beinen empfand sie als harmonisierend und
sagte: „In
meinem Körper kommt alles wieder in Fluss.“
Im Laufe der Behandlungen kamen weitere Körperregionen
hinzu. Das Halten im Nieren-Beckenbereich ermöglichte es Frau
G., die Rückseite
ihres Körpers bewusster wahrzunehmen und Ängste bzw.
Trauer im Hinblick auf den
bevorstehenden Tod anzusprechen. Sie hoffte sehr darauf, noch einmal
nach Hause
zu kommen, aber körperlich war das leider nicht mehr
möglich. Wir machten eine
Reise mit inneren Bildern durch Frau G.'s Wohnung und verabschiedeten
die Räume.
Bis zu meinem nächsten Besuch hatte sich ihr
Gesundheitszustand weiter
verschlechtert. Die Bewohnerin wollte „ein letztes
Mal“ von mir berührt werden.
Im Raum herrschte eine andere Stimmung als sonst. Ich machte sanfte
Ausstreichungen und hielt längere
Zeit
ihre Fußsohlen. Ihr Atem wurde ganz ruhig. Im Anschluss sang
ich mehrmals ein
Mantra und wir ließen die Klänge in der Stille
nachwirken. Frau G.
verabschiedete sich mit leisen Worten: „Vielen Dank
für den schönen Abschied,
ich glaube, wir sehen uns hier nicht mehr.“ Als ich das
nächste Mal kam, war
Frau G. bereits verstorben.
|